Hormone und das Immunsystem: Testosteron und die Infektion mit SARS-CoV-2

Männer und Frauen unterscheiden sich in der Stärke und Art der Immunantwort. Dies zeigt sich unter anderem in geschlechtsspezifischen Unterschieden bezüglich der Verträglichkeit und Effizienz von Impfstoffen oder in der Schwere und Häufigkeit von Infektionen oder Autoimmunerkrankungen. Frauen sind beispielsweise häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen, Männer dahingegen scheinen anfälliger für Infektionskrankheiten zu sein. Ursachen für diese Unterschiede können im Genom (unterschiedliche Chromosomen - XX/XY), in den Geschlechtshormonen  oder sogar im geschlechtsspezifischen Sozialverhalten liegen.

In den letzten Jahren konnte gezeigt werden, dass Geschlechtshormone einen entscheidenden Einfluss auf die Immunreaktion haben. Ein Impfstoff gegen Herpes genitalis zeigte Wirksamkeit bei weiblichen Probanden, jedoch nicht bei männlichen (Lawrence et al. N. Engl. J. Med. 2002). Es gibt Unterschiede in der Immunantwort auf einen Influenza-Impfstoff, basierend auf dem Testosteronlevel der Männer (Furman et al. PNAS 2014). Je höher das Testosteron, desto schlechter die Immunantwort. Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede in der Viruslast bei einer Infektion mit HIV-1:  Frauen haben zu Beginn einer HIV-Infektion eine signifikant geringere Viruslast. Eine Regressionsanalyse zeigte, dass Frauen mit einer halb so großen Viruslast wie Männer eine vergleichbare Zeit bis zum Ausbruch von AIDS aufweisen (Meditz et al. J. Infect. Dis. 2011).

In einer aktuellen Studie (Montopoli et al. Androgen-deprivation therapies for prostate cancer and risk of infection by SARS-CoV-2: a population-based study (N = 4532). Ann. Oncol. 2020; 31: 1040-1045) konnte gezeigt werden, dass das Risiko einer Infektion mit SARS-CoV-2 bei niedrigen Testosteronwerten sinkt. Dabei wurden retrospektiv 4532 Patienten mit gesicherter SARS-CoV-2-Infektion und insbesondere Prostatakarzinom-Patienten mit und ohne antiandrogene Therapie untersucht. Die Patienten mit antiandrogener Therapie erlitten im Vergleich zur Kontrollgruppe so gut wie keine Infektion (OR 4,05; 95% CI 1,55-10,59). Eine Hypothese der Autoren ist, dass SARS-CoV 2 über ein bestimmtes System an das Angiotensin-converting Enzym (ACE) bindet, welches wiederum positiv durch die TMPRSS (Trans-membran serin protease) beeinflusst wird. Androgene verringern die TMPRSS deutlich, wodurch es zu einem geringen Viruseintritt in die Zellen u.a. auch in der Lunge kommt. Die TMPRSS-Transkription ist - u.a. auch in der Lunge - durch den Androgenrezeptor reguliert. Dies könnte eine Mitursache sein, warum Männer ein höheres Risiko als Frauen aufweisen, an Covid 19 zu erkranken.

Prof. Dr. med. Christoph Dorn